Das Wichtigste in Kürze
- Bei ADHS ist das Ja oft schneller da als der Gedanke daran, ob überhaupt Kapazität dafür da ist.
- Jahrelanges Masking trainiert genau das Gegenteil von Grenzen setzen — nämlich, die eigenen Bedürfnisse zugunsten der Erwartungen anderer zurückzustellen.
- Die Angst vor der Reaktion des Gegenübers wiegt oft schwerer als die eigentliche Anstrengung, die hinter dem Ja steckt.
- Grenzen setzen ist keine Charakterfrage, sondern eine Fähigkeit, die geübt werden kann — in kleinen, konkreten Schritten.
Die Nachricht der Kita ist noch nicht mal fertig gelesen, da hast du schon geantwortet: „Klar, ich backe was für den Sommerbasar." Erst beim Abschicken merkst du, dass du diese Woche ohnehin schon am Limit bist. Das Ja war schneller da als der Gedanke daran, ob du es dir überhaupt leisten kannst.
Warum das Ja bei ADHS oft automatisch kommt
Ein Nein verlangt mehrere Schritte gleichzeitig: die eigene aktuelle und zukünftige Kapazität einschätzen, die Bitte gegen die eigenen Grenzen abwägen, eine mögliche unangenehme Reaktion aushalten — und das alles, bevor überhaupt geantwortet wird. Bei ADHS fällt gerade der erste Schritt besonders schwer: eine realistische Einschätzung der eigenen Kapazität in der nahen Zukunft, wegen der bekannten Schwierigkeit, die eigene Zeit und Energie vorauszuplanen. Das Ja kommt deshalb oft impulsiv und aus dem Moment heraus — nicht aus mangelndem Willen, Grenzen zu haben, sondern weil der Abwägungsprozess selbst nicht rechtzeitig stattfindet.
Dazu kommt ein zweiter, tiefer sitzender Grund: Viele Frauen mit ADHS haben über Jahre gelernt, unauffällig zu funktionieren — Masking. Ein zentraler Bestandteil dieses Maskings ist, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, um nicht als schwierig, überfordert oder unzuverlässig aufzufallen. Wer jahrelang trainiert hat, keine Umstände zu machen, hat gleichzeitig verlernt, überhaupt zu bemerken, wann eine Grenze längst überschritten ist.
Der Zusammenhang mit Masking: Frauen erhalten im Schnitt Jahre später eine ADHS-Diagnose als Männer — ein Grund dafür ist, dass Mädchen früh lernen, Schwierigkeiten durch soziale Anpassung auszugleichen. Dieses Muster aus Anpassung und Gefallen-Wollen setzt sich im Erwachsenenleben fort und zeigt sich besonders deutlich darin, wie schwer es fällt, Bitten abzulehnen.
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„Ich habe nicht zu wenig Grenzen. Ich habe zu lange nicht gemerkt, dass ich welche brauche, bevor die Bitte schon beantwortet war."
Was wirklich hilft
„Ein Nein ist kein Angriff auf die Beziehung. Es ist die Voraussetzung dafür, dass das nächste Ja noch etwas wert ist."
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