Das Wichtigste in Kürze
- Der Mythos „Autisten haben keine Empathie" hält sich hartnäckig — die Forschung zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild.
- Es lohnt sich, zwischen kognitiver Empathie (Gefühle anderer erkennen) und affektiver Empathie (mitfühlen) zu unterscheiden.
- Viele autistische Menschen berichten sogar von Hyperempathie — einem Übermaß an Mitgefühl, das selbst überwältigend werden kann.
- Ich schreibe hierüber als Beobachterin aus der Neurodivergenz-Community, nicht aus eigener autistischer Erfahrung.
„Der hat doch keine Gefühle" — Sätze wie dieser über autistische Menschen halten sich hartnäckig, in Filmen, in Alltagsgesprächen, manchmal sogar in Fachkreisen. Als ich für den AuDHD-Artikel auf diesem Blog recherchiert habe, bin ich immer wieder auf denselben Widerspruch gestoßen: Die Fachliteratur zeichnet ein völlig anderes Bild als das gängige Klischee. Zeit für einen genaueren Blick.
Ich schreibe diesen Text als jemand mit ADHS, die sich mit der AuDHD- und Autismus-Community beschäftigt — nicht als autistische Person selbst. Was hier steht, ist recherchiert, nicht selbst erlebt.
Der Denkfehler: Empathie ist nicht nur eine Sache
Der Mythos vom „gefühlskalten Autisten" beruht meist auf einer Verwechslung zweier unterschiedlicher Fähigkeiten, die beide unter dem Wort „Empathie" zusammengefasst werden:
Kognitive Empathie
Die Fähigkeit, an äußeren Signalen — Mimik, Tonfall, Körpersprache — zu erkennen, was jemand anderes fühlt. Hier zeigen Studien bei manchen autistischen Menschen tatsächlich Unterschiede.
Affektive Empathie
Das eigentliche Mitfühlen — wenn das Leid einer anderen Person tatsächlich etwas in einem selbst auslöst. Hier zeigt die Forschung bei autistischen Menschen keine generelle Beeinträchtigung — teilweise sogar das Gegenteil.
Die „Double Empathy"-Theorie: Der autistische Forscher Damian Milton hat ein Konzept geprägt, das viel erklärt: Missverständnisse zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen entstehen oft in beide Richtungen — nicht weil autistischen Menschen Empathie fehlt, sondern weil beide Seiten unterschiedliche soziale „Sprachen" sprechen. Nicht-autistische Menschen lesen autistische Signale oft genauso falsch, wie umgekehrt behauptet wird.
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„Nicht zu wissen, wie man Mitgefühl zeigt, ist etwas anderes, als kein Mitgefühl zu haben. Genau diesen Unterschied übersieht das Klischee vollständig."
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Der praktische Nutzen dieser Unterscheidung ist größer, als er zunächst klingt: Wer autistische Familienmitglieder, Freundinnen oder Kolleginnen hat, tut gut daran, weniger auf den äußeren Ausdruck von Gefühlen zu achten und mehr auf das, was tatsächlich getan wird — Unterstützung, Verlässlichkeit, konkrete Fürsorge zeigen sich bei Autismus oft anders, aber nicht seltener.
„Empathie zu zeigen ist eine Fähigkeit. Empathie zu empfinden ist etwas anderes. Das Klischee verwechselt beides — auf Kosten von Menschen, die längst mehr fühlen, als man ihnen zutraut."
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