Es war ein ganz gewöhnlicher Dienstagabend. Meine Kinder schliefen, ich saß auf dem Sofa mit einem längst kalt gewordenen Tee und scrollte – mal wieder – durch irgendwelche Videos, die ich nicht aufhören konnte zu schauen, obwohl ich eigentlich längst hätte schlafen sollen. Dann kam dieses eine Video. Eine Frau, vielleicht Mitte dreißig, sprach in die Kamera und beschrieb ihr Leben: das ständige Gefühl, nicht genug zu schaffen. Die vergessenen Termine. Der Haushalt, der sich anfühlte wie ein Feind. Die Erschöpfung, die keine Nacht Schlaf je wirklich löste. Die Schuldgefühle, die wie ein Dauerton im Hintergrund liefen.
Ich dachte: Das bin ich. Wort für Wort. Das bin ich.
Sie sprach über ADHS. Ich war 38 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern, hatte meinen Job irgendwie immer noch — und hatte noch nie ernsthaft in Betracht gezogen, dass das, was mich so viele Jahre lang so unendlich angestrengt hatte, einen Namen haben könnte.
Der Moment, der alles verändert hat
Ein paar Monate nach diesem Abend saß ich bei einer Psychiaterin. Ich hatte gekämpft um den Termin – Wartezeit sechs Monate, dann nochmal umgebucht, dann fast wieder abgesagt, weil ich dachte: Ich bilde mir das ein. Ich bin einfach faul. Ich muss mich nur mehr anstrengen.
Die Ärztin stellte nach zwei ausführlichen Gesprächen, einem langen Fragebogen und dem Durchgehen meiner Kindheitszeugnisse fest: ADHS, vorwiegend unaufmerksamer Typ.
Ich weiß noch, dass ich auf dem Heimweg geweint habe. Nicht aus Trauer – ich wusste gar nicht genau, warum. Vielleicht aus Erleichterung. Vielleicht weil plötzlich 38 Jahre meines Lebens neu sortiert wurden. Vielleicht beides gleichzeitig.
„Wenn du gerade selbst an diesem Punkt bist, oder dich fragst ob du auch ADHS haben könntest: Dieser Blog ist für dich. Für uns."
Warum ADHS bei Frauen so oft so spät erkannt wird
Das erste, was ich nach der Diagnose getan habe, war recherchieren. Und das erste, was mich wirklich wütend gemacht hat: Es ist kein Zufall, dass ich erst mit 38 davon erfahren habe. Es ist System.
ADHS bei Frauen sieht anders aus. Das klassische Bild – der zappelige, impulsive, hyperaktive Junge, der im Unterricht nicht stillsitzen kann – trifft auf die meisten betroffenen Frauen schlicht nicht zu. Wir zeigen häufiger den sogenannten unaufmerksamen Typ: innere Unruhe statt äußerer Hyperaktivität, Verträumtheit statt Aufgedrehtheit, tiefe Erschöpfung statt offensichtlicher Impulsivität.
Das nennt sich Masking. Betroffene Frauen kompensieren ihre Symptome oft jahrzehntelang: Sie entwickeln ausgefeilte Systeme, Erinnerungshilfen, Perfektionismus als Schutzschild. Äußerlich wirken sie oft organisiert. Innerhalb tobt das Chaos – aber das sieht niemand.
Gesellschaftliche Rollenerwartungen als unsichtbare Tarnung
Eine Frau, die viel grübelt, emotional ist, vergesslich, sprunghaft, chaotisch – die gilt schnell als "zu viel". Als hysterisch. Als überfordert. Nicht als jemand, der eine neurobiologische Besonderheit hat, die einen Namen verdient. Ich war all das: zu viel. Und immer mit dem Gefühl: Die anderen schaffen das doch auch. Warum nicht ich?
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Menschen, die keine Spätdiagnose erlebt haben, stellen sich vielleicht vor, dass die Reaktion hauptsächlich Erleichterung ist. Endlich wissen, was los ist. Endlich eine Erklärung. Und ja – die Erleichterung war da. Groß und unmittelbar.
Aber was mich überrascht hat: Gleichzeitig kam eine Trauer, die ich nicht erwartet hatte. Ich habe getrauert. Um das Mädchen, das ich war und das nie verstanden hat, warum Schule sich so anstrengend anfühlte. Um die junge Frau, die dachte, sie sei einfach zu chaotisch für eine ernsthafte Karriere. Um die Mutter, die sich für jeden Wutausbruch, jeden vergessenen Termin hasste.
Und dann – irgendwann – kommt die Wut. Auf ein System, das Frauen mit ADHS jahrzehntelang übersieht. Diese Wut ist berechtigt. Ich trage sie noch.
Was sich seitdem verändert hat
Ich will ehrlich sein: Die Diagnose hat nicht über Nacht alles besser gemacht. Das tut sie nicht. Sie ist kein Schalter. Was sie mir gegeben hat, ist Verständnis. Für mich selbst. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich aufgehört, mich für Dinge zu bestrafen, die ich nicht kontrollieren kann.
Ich habe angefangen, mit einer Therapeutin zu arbeiten, die sich auf ADHS spezialisiert hat. Ich habe Medikamente ausprobiert – mit gemischten Gefühlen, aber auch echten Momenten der Klarheit, die ich vorher nicht kannte. Ich habe meiner Familie erklärt, was ADHS bedeutet. Und ich habe diesen Blog gestartet.
„ADHS bei Frauen ist kein Modethema. Es ist eine gelebte Realität von vielen tausend Frauen, die jahrelang glaubten, sie seien einfach nicht gut genug. Wir sind gut genug. Unser Gehirn funktioniert nur anders."
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